Schreibpraxis: Kreative Räume

Jeder Autor versucht täglich, schnell in seinen kreativen Flow zu kommen, in den „Zustand des Glücksgefühls, in den Menschen geraten, wenn sie gänzlich in einer Beschäftigung ‚aufgehen'“ (Mihály Csíkszentmihályi). Das war nicht anders, als ich früher an wissenschaftlichen Papieren arbeitete oder heute an Romanprojekten schreibe. Ich versuche immer, mir kreative Räume zu schaffen. (Und ich meine damit nicht kreative Freiräume! Das ist vielleicht ein zukünftiger Blogpost.)

In meinem letzten Blogeintrag habe ich das EU-Projekt NEPOMUK – The Social Semantic Desktop angesprochen. In diesem Forschungsprojekt haben wir an der Implementierung des persönlichen Wissensarbeitsplatzes gearbeitet. Für mich war der spannendste Anteil die Arbeit mit Kollegen der Königlichen Technischen Hochschule (Kungliga Tekniska högskolan, kurz KTH) in Stockholm. Meine schwedischen Kollegen brachten unter anderem ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus dem technischen Design und dem Design von Mensch-Maschine-Interaktionen ein. In contextual interviews und durch Beobachtung von PC-Benutzern entwickelten sie Personas, fiktive Personen, die bestimmte Benutzergruppen verkörpern. ellaSo gab es zum Beispiel Ella, Mutter von zwei Kindern, Lucien (3) und Adèle (5), verheiratet mit Anton. Die Familie lebt in einer Villa in Maisons-Laffitte, einer Pariser Vorstadt. Es gibt noch einiges mehr in ihrer Beschreibung, u. a. welche Berufsziele sie hat und wie wir sie mit dem Wissensarbeitsplatz unterstützen könnten. Neben dem Portrait wurde von allen Personas Ganzkörperabbildungen geschaffen. Und bei unseren Projekttreffen waren alle Personas anwesend, auf Ausziehbannern in Lebensgröße. Sie waren im Blick und in kleineren Besprechungsräumen auch manchmal im Weg. Es war schwer sie zu ignorieren. Und das war auch der Sinn und Zweck.

Als ich das HCI-Department an der KTH einmal besuchte, fiel mir auf, wie viele Design-Beispiele in der ganzen Abteilung sichtbar waren, in Vitrinen ausgestellt oder einfach als Printouts an der Wand. Ich lernte, dass Designer generell so arbeiten. Sie brauchen die Beispiele als Trigger für die eigene Kreativität. Was ich noch besser fand: Sie benutzten diese Beispiele aktiv als Trigger und zur Unterstützung ihrer kreativen Prozesse.

Ich bin ein großer Fan von Making-of-Dokumentationen von Spielfilmen und gebe gerne ein paar Euro mehr aus für Special Editions. Besonders lehrreich fand ich damals – so 2002 oder 2003 denke ich – die ausführlichen Erläuterungen zu den kreativen Entwicklungsprozessen von Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Trilogie. Da sind zum Beispiel die WETA-Workshop-Büros zu sehen, die förmlich überquellen von Modellen und Designentwürfen. Gesehen hatte ich das schon, aber den Bezug hatte ich nicht hergestellt zwischen Inspiration zur Hand haben und eigene Kreativität anwenden. Diesen Bezug stellte ich erst etwa fünf Jahre später im Rahmen der Arbeit mit den Stockholmer Kollegen her.

Im Grunde gilt: Jeder Raum lässt sich leicht zum kreativen Raum aufrüsten, indem man aus ihm alles ablenkende Material entfernt und in ihm die richtigen Werkzeuge bzw. Informationen griffbereit zur Hand legt. Wenn ich mich nicht um die Suche nach wichtigen Informationen kümmern muss, sondern mich einfach danach umdrehen oder zur Seite greifen kann, um sie zu finden, bleibe ich viel wahrscheinlicher in meinem Flow.

Seit den NEPOMUK-Zeiten gehören daher drei Dinge zur Grundausstattung meiner Büros: Whiteboard, Magnetleisten und Moderationstafel .

WhiteboardDas Whiteboard muss dabei groß genug sein. Es sollte zudem unbedingt magnetisch sein, damit man schnell mal etwas aufhängen kann. Man kann darauf wunderbar Ideen entwickeln und mit anderen diskutieren. Es ist ein temporärer Ideenraum und nicht dafür gedacht, etwas länger zu dokumentieren. Mit einem Smartphone ist das Ergebnis trotzdem schnell festgehalten.

MagnetleistenEbenfalls unverzichtbar sind für mich alle magnetischen Oberflächen. An zwei Universitäten hatte ich Metallspinde im Büro, die hervorragend geeignet waren, Photographien, Bildschirmsnapshots, Besprechungsnotizen, Entwürfe von Softwarearchitekturen etc. griffbereit aufzuhängen. In unserem aktuellen Arbeitszimmer verwenden wir selbstklebenden Edelstahl-Magnetstreifen.

ModerationstafelDas dritte für mich unverzichtbare Werkzeug für die Einrichtung eines kreativen Raums ist eine Moderationstafel. So manchem sind die filzbespannten Tafeln von Messen oder Fortbildungsveranstaltungen bekannt. An eine Moderationstafel kann man wiederum alles mögliche mit Pins befestigen. Wer will, kann wie bei CSI oder ähnlichen Polizeiserien farbiges Garn zwischen den Fotos, Texten und Skizzen spannen, um Verbindungen zu symbolisieren. Mir reicht die hier dargestellte Gruppierung von Elementen völlig aus. Bisher 😉

Mit den drei Werkzeugen Whiteboard, Magnetleisten und Moderationstafel erzeuge ich mir eine kreative Blase, die mir Eckpunkte meines aktuellen Romans immer vor Augen hält. Details sind immer direkt greifbar. Wichtige Rechercheergebnisse brauche ich nicht erst irgendwo herauszukramen. Wenn meine Augen durch das Büro wandern, finden sie immer etwas, das zum Romanprojekt gehört. Alle anderen To-Do-Listen und Erinnerungen habe ich aus meinem unmittelbaren Blickfeld verbannt. Und wenn ich gewisse Aspekte im Roman verarbeitet habe, räume ich das Material in einen vorbereiteten Karton. So verändert sich mein kreativer Raum mit der Zeit und bleibt dabei immer aktuell.

Schreibpraxis: Informationen sammeln mit der Notizen-App

Was für eine tolle Idee. Wäre die nicht was für einen Thriller? Ist das nicht rührend? Sollte man nicht eine Liebesgeschichte darum herum stricken? Und diese lebendige Beschreibung. So einen mitreißenden Schreibstil möchte ich auch entwickeln. 

Solche Gedanken gehen mir andauernd durch den Kopf, wenn ich etwas lese. Das kann eine Stelle in einem Roman sein, der ansonsten kaum fesseln kann, oder ein Artikel in der Apothekerzeitung, die beim Frisör herumliegt. In meinen sozialen Netzwerken habe ich so viele interessante und kluge Freunde, die andauernd Informationen teilen, die irgendwann hilfreich sein könnten.

Evernote war für einige Zeit mein Werkzeug der Wahl, um den Überblick über meine ‚Informationsrohdiamanten‘ zu behalten. Eine Erweiterung für meinen Internet-Browser Safari machte es leicht, Textabschnitte oder ganze Webseiten zu sammeln. Da ich jedoch nur die freie Version nutzen wollte, gab es naturgemäß Einschränkungen.

Omnifocus missbrauchte ich eine Weile zur Informationssammlung. Hier machte es auf Dauer natürlich keinen Sinn, da ich mit Omnifocus ja etwas erreichen wollte. Eben ‚Getting Things Done‘. Informationen als ‚Waiting‘ zu katalogisieren, erschien mir dann doch irgendwann als wenig hilfreich, da ich so die Projektlisten überfrachtete und der Überblick verloren ging.

In der Zwischenzeit hatte sich von mir gänzlich unbemerkt die Notizen-App gemausert. Ich nutze sie zwar seit 2007, wie ich gerade verblüfft feststellte, aber da sie lange Zeit nur Text aufnahm, war sie nicht auf meinem Radar. Seit einer Weile verwaltet die Notizen-App nun aber vieles mehr.

Wie ich in einem anderen Beitrag erzählt habe, nutze ich die App, um Blog-Beiträge, Artikel und Romanszenen mit dem Apple Pencil vorzuformulieren. Ordner erlauben es mir zudem, verschiedene Kontexte zu bilden, z. B. „Blog“, „Aktueller Roman“ oder „Romanideen“. In beiden Betriebssystemen, MacOS und iOS, kann ich in fast jeder Anwendung das Teilen-Menü  aufrufen, und erst vor wenigen Wochen ist mir dabei aufgefallen, dass darin auch der Punkt ‚Zu „Notizen“ hinzufügen‘ enthalten ist.

Seitdem speichere ich darüber interessante Webadressen, Bilder etc. auf dem Mac oder dem iPad/iPhone. Die automatische Synchronisierung sorgt dann dafür, dass ich die Informationen auch jederzeit und überall zur Hand habe.

Tipp: Wenn man bei der Recherche mehrere Informationen in der selben Notiz speichern möchte, kann man einfach im Dialog die entsprechende Notizen auswählen. Dann wird die neue Information an die gewählte Notiz angehängt.

Hier im Beispiel kann die Notiz mit der Webadresse dieses Blogs in eine neue Notiz verwandelt oder an eine existierende angehängt werden, z. B. an den Eintrag „Schreibpraxis: Ideen sammeln mit der Notizen-App“.

Schreibpraxis: Integrierte Schreibumgebung Scrivener

Jeder kennt das Problem. Man hat zig Dokumente, Photos und Konzepte, die in einem Sinnzusammenhang stehen, aber man hat diesen Zusammenhang ‚nur‘ im Kopf. Man kann ihn im Computer nicht adäquat abbilden. Man baut sich unter Umständen Krücken wie eine Textdatei, die zusammengehörende Dokumente benennt, vielleicht noch mit ein paar erläuternden Worten zu jedem Dokument. Die Datei- und Ordnernamen werden sorgfältig ausgewählt sowie Ordnerhierarchien konstruiert („Angebote 2017“, „Rechnungen 2017“, „Rechnung 2017-01.doc“, „Rechnung 2017-02.doc“, etc.). Auch Mindmaps können helfen. Aber wehe dem, Ordnerpfade oder Dateinamen werden geändert. Und nach ein paar Monaten oder Jahren hat man das meiste sowieso vergessen.

Vor mehr als zehn Jahren habe ich im Forschungsprojekt NEPOPMUK – The Social Semantic Desktop untersucht, wie man beliebige digitale Objekte (Dateien, Referenzen, Elemente in Daten) miteinander sinnvoll in Zusammenhang stellen kann. „Tags“ und „Labels“ sind solche Möglichkeiten, die moderne Betriebssysteme mittlerweile neben Ordnerhierarchien für die Strukturierung zur Verfügung stellen. Da die sinnvolle Unterstützung von der jeweiligen Anwendungsdomäne bzw. dem Anwendungszweck abhängt, ist es jedoch sehr schwer, so etwas allgemeingültig auf Betriebssystemebene anzubieten. Integrierte Entwicklungsumgebungen können das schon eher.

Integrierte Entwicklungsumgebungen (Integrated Development Environment, IDE) nennt man in der Softwareentwicklung Programmpakete, die die systematische Entwicklung von qualitativ hochwertigem Programmcode in kurzer Zeit unterstützen. Diesem Zweck sind alle internen Strukturen und Editoren angepasst. Code gehört dabei gewissen Kategorien an (z. B. Benutzerschnittstelle oder Datenbankzugriff) und ist in bestimmten Sprachen geschrieben (z. B. Java oder C++). Manche Datei ist nur zur Referenz enthalten oder illustriert Projektentscheidungen. Jede Datei hat einen Status. Und so weiter …

Wer mich kennt, weiß, dass ich strukturiertes Vorgehen jederzeit dem chaotischen vorziehe. Wenn ich ein System finde, das für mich funktioniert, bleibe ich dabei. Ich baue systematische Vorgänge und Automatismen auf, wo ich kann. Das entlastet mich. Systeme erlauben mir, mich auf wichtige Dinge zu konzentrieren und unwichtige zu verdrängen. Die Anwendung von Getting Things Done mit Hilfe von Omnifocus, die Verwendung von Say&Go und das automatische Abspeichern der Sprachnotizen in meiner Dropbox sowie die Bevorzugung handschriftlicher Notizen zur Entwicklung von Ideen und Texten sind Beispiele dafür. Es dürfte also niemanden verwundern, dass ich eine geschlossene, integrierte Schreibumgebung der Verwendung von Einzelprogrammen und Betriebssystemordnern vorziehe.

Vor ein paar Jahren bin ich auf die integrierte Schreibumgebung Scrivener (Literature and Latte Homepage) gestoßen, die mir alles liefert, was ich zum Schreiben brauche. Scrivener unterstützt sowohl das Schreiben kurzer Texte (z. B. Aufsätze aller Art) als auch das Verfassen längerer Texte wie Dissertationen, Romane oder Drehbücher. Was für mich ausschlaggebend war, ist die Möglichkeit, den Romantext vom Recherchematerial getrennt zu halten, aber doch im selben System zu pflegen. Ich kann Bildmaterial sammeln, Textschnipsel oder Webadressen. Alles kann ich mit Kommentaren versehen. Jedes Dokument hat einen Status (z. B. „To Do“ oder „Draft“). Bei jeder Szene, weiß ich damit, ob ich mit ihr zufrieden bin oder ob ich noch Arbeit hineinstecken muss. Ich kann jedem Dokument ein farbiges Label verpassen. Ich benutze dieses Feature zurzeit, um zu markieren, aus wessen Sicht ich die entsprechende Szene schreibe bzw. schreiben will.

Scrivener stellt mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, die Struktur meines Romans darzustellen und zu ändern. Für jedes Dokument kann ich eine kurze Zusammenfassung schreiben. Sehr nützlich für die Planung, kann ich nur sagen. Die Karteikarten Ansicht zeigt die entsprechende Zusammenfassung. Hier kommt die farbliche Markierung gut zum Tragen. Erzähle ich mehrere Szenen aus der Sicht derselben Person? Versetze ich mich oft genug in dieselbe Person oder nicht oft genug? Das ist dann leicht zu erkennen.

Scrivener-Karteikartenansicht

Karteikartenansicht in Scrivener

Scrivener-Gliederungsansicht

Gliederungsansicht in Scrivener

Die Karteikartenansicht und die Gliederungsansicht sind beide sehr nützliche Perspektiven auf den Roman und für die Änderung der Szenenreihenfolge. Mit einem Click verschiebe ich eine Szene oder fasse Szenen zu einem Kapitel zusammen. Damit man im Falle eines Falles Änderungen schnell rückgängig machen kann oder, positiver formuliert, damit man verschieden Szenarien durchspielen kann, erlaubt Scrivener Snapshots zu machen, zu denen man einfach zurückkehren kann.

Scrivener-ProjektzieleFür freischaffende Autoren sind Deadlines ein notwendiges Übel. Scrivener unterstützt auch hier. Man kann die Wochentage einstellen, an denen man effektiv schreibt. Basierend auf einem Abgabedatum und dem Manuskriptziel, formuliert in Anzahl Zeichen, Worten oder Seiten, berechnet Scrivener automatisch den Fortschritt und wieviele Zeichen, Worte oder Seiten pro Tag geschrieben werden müssen, um die Deadline zu halten. Wie bei der AppleWatch und meinen täglichen Fitnesszielen finde ich das tägliche Erreichen meines Schreibziels sehr motivierend. So bekomme ich auch ein Gefühl für meine Fortschritte.

Scrivener bietet noch eine ganze Menge mehr Funktionen, über die ich ein anderes Mal berichten werde.

Schreibpraxis: Getting Things Done und Say&Go

„Nicht die Milch und das Backpulver vergessen. Nicht die Milch und das Backpulver vergessen.“

Wer kennt nicht dieses gebetsmühlenartige Wiederholen von Informationen, zum Beispiel auf dem Weg zum Supermarkt. Wir haben eine Idee und können sie gerade nicht aufschreiben. Schon muss unser Gehirn sich darauf fokussieren, und es bleibt für nichts anderes mehr verfügbar.

Unser Gehirn ist nicht sonderlich gut darin, sich Dinge kurzfristig zu merken. Dafür ist unser Kurzzeitgedächtnis gar nicht gedacht. Ohne Training fällt es uns ausgesprochen schwer, mehrere Dinge zuverlässig gleichzeitig im Kopf zu behalten. Oft genug bemerken wir erst später, dass wir vergessen haben, uns auf obiges Mantra zu konzentrieren. Daher bin ich seit Jahren ein Fan von David Allens „Getting Things Done“-Methode.

Getting Things Done, oder GTD, basiert auf der obigen Erkenntnis, dass unser Kurzzeitgedächtnis Probleme hat, mehr als eine Handvoll Dinge zu behalten. Alles, was getan werden soll, muss daher in ein zuverlässigeres System übertragen werden. Bei GTD werden daher Listen geführt (Projekte), die dann systematisch abgearbeitet werden können. Dabei geht dann nichts verloren. (Vor ein paar Jahren habe ich ein paar Worte zu GTD und Omnifocus (auf Englisch) verloren. Omnifocus benutze ich immer noch und sehr gerne.)

Das Thema, um das es mir in diesem Blogpost geht, ist das Festhalten von Ideen oder Dingen, die ich später erledigen will. Als Autor hat man immer etwas zum Aufschreiben in greifbarer Nähe. Zuhause ist das für mich kein Problem. Unterwegs nutze ich mein Smartphone oder Tablet. Solange ich die Hände frei habe, funktioniert das ganz gut. Aber was macht man beim Autofahren? Oder auf dem Fahrrad? Auch da kann einen ja die Muse hinterrücks überfallen und küssen.

Ich baue regelrecht darauf, dass mir Ideen beim Sport im Gym oder beim Laufen draußen in der Natur kommen. Jedesmal war ich bisher gezwungen, entweder das Handy aus einer speziellen Tasche herauszufummeln oder zu versuchen, mir krampfhaft zu merken, was mir eingefallen ist. „Denk‘ daran, dass der Geheimcode 42 ist. Denk‘ daran …“ Nur um nach der Dusche festzustellen, dass ich mich weder daran erinnern kann, dass es um einen Geheimcode und um eine bestimmte Zahl ging. Nur dass es wichtig war und eine gute Idee, das behalte ich.

Vor kurzem bin ich auf diese nützliche (und preiswerte) App gestoßen: Say&Go. Sie macht nicht viel, aber sie macht genau das, was ich brauche. Say&Go zeichnet Audionachrichten auf. Mit nur einem Klick/Touch. Voreingestellt ist eine Aufnahmezeit von sieben Sekunden, was sich für mich bewährt hat. Man kann entweder diese Zeit ändern oder, wenn man gerade besonders viel aufnehmen will, spontan eine Minute hinzufügen. Im Prinzip kann das die mitgelieferte iPhone-App Sprachmemos auch. Aber man muss mehr mit der App interagieren, was beim Laufen auf dem Laufband oder in der freien Natur hinderlich bzw. gefährlich ist.

Was Say&Go für mich letztendlich so praktisch macht, ist die zugehörige AppleWatch-App. Im Gym oder beim Laufen steckt mein iPhone, wie oben erwähnt, in einer speziellen Tasche. Es ist umständlich, das Smartphone herauszuholen. Es besteht immer die Gefahr, dass es dabei herunterfällt (oder eben ich). Die AppleWatch ist am Handgelenk und hat ein eigenes Mikrofon (samt Lautsprecher – aber den benutze ich selten). Mit Say&Go heißt es jetzt einfach:

  • App aktivieren
  • Aufnahme starten
  • Idee aufsprechen
  • Fertig

Die App stoppt, wie gesagt, nach der voreingestellten Zeit automatisch. So geht nichts verloren, und mein Kopf bleibt frei für weitere Ideen oder das Genießen der Landschaft.

Sobald ich dann zuhause bin oder ein WLAN verfügbar ist, kommt ein zweites nützliches Feature von Say&Go zum Tragen. Wenn man die App mit dem eigenen Dropbox-Account verbindet, werden aufgezeichnete Sprachnachrichten automatisch vom iPhone in einen Dropbox-Ordner verschoben. Am iMac oder iPad höre ich mir dann die Aufzeichnung an und übertrage die Notiz, zum Beispiel in ein entsprechendes Projekt in Omnifocus oder vermerke eine Erinnerung in meinem Manuskript.

Wie macht ihr das? Welche Apps oder welches System nutzt ihr, um effizient Ideen zu aufzuzeichnen und auch wiederzufinden?

Schreibpraxis: Entschleunigung mit dem Apple Pencil

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie so manche Fernsehdokumentation, so manches Sachbuch oder Roman zur rechten Zeit daherkommen. Diesmal war es eine Dokumentation über den Autor John Irving. Er ist vermutlich den meisten bekannt durch seinen Roman Garp und wie er die Welt sah. Die Dokumentation beleuchtet viele Elemente von Irvings Schaffen, darunter auch, wie er arbeitet. Am meisten erstaunte mich, dass er seine Romane komplett mit der Hand schreibt. Klar nutzt er auch Computer. Für’s Email schreiben, für Geschäftsbriefe, für’s Skypen. Aber eben nicht für seine Romane. Für ihn hat das Schreiben mit der Hand vor allem den Sinn der Entschleunigung und dem Fokussieren auf das, was er wie ausdrücken möchte.

Wie jeder kreative Prozess, ist auch das Schreiben ein Vorgang, der nur allzu leicht unterbrochen werden kann. Ablenkungen lauern überall. Sind die Einkäufe erledigt? Habe ich die Rechnungen bezahlt? Sind noch Emails zu beantworten? Facebook updates? Interviewfragen … ach ja, das erinnert mich … Mit ein wenig Disziplin (und abgeschalteten Benachrichtigungen! Auf allen Geräten!) bekommt man diese Arten der Unterbrechung und Ablenkung gut in den Griff. Von meinem wissenschaftlichen Schreiben kenne ich das ja bereits. Hier musste ich also nichts ändern.

Wo liegt also mein Problem? Es ist ganz einfach. Ich kann es nicht leiden, wenn Rechtschreibung und Grammatik nicht auf Anhieb stimmen. Man kann die roten und grünen Unterkringelungen abschalten. Klar. Aber da wären noch zu viele Leerzeichen, Kommas an der falschen Stelle und die falschen Anführungszeichen vor oder hinter dem entsprechenden Text. Blocksatz? Flattersatz? Und müsste der Eigenname nicht kursiv gesetzt werden? Lass mich doch mal Google zurate ziehen … You get the picture, right? Diese Kleinigkeiten reißen mich aus dem Flow und rein in die Prokrastination.

Das ist kein neues Phänomen für mich. Bei wissenschaftlichen Papieren habe ich daher meist handschriftlich vorformuliert. Ging ganz gut. Ich musste meist nur die Einleitung und Motivation vorformulieren. Vielleicht noch das Abstract entwerfen oder mögliche zukünftige Arbeiten beschreiben. Die eigentlichen Forschungsergebnisse kamen aus den Experimenten und Diskussionen mit den Koautoren. Jetzt, als freier Romanautor, geht es um längere Passagen. Mehr Text. Und als Informatiker? Sollte ich da nicht moderner vorgehen, als Papier und Bleistift zu verwenden? Sollte ich nicht gleich in die Tasten hauen, um perfekte Texte zu schreiben? 

Tja, an diesem Punkt kommt die Dokumentation über John Irving ins Spiel. Der Autor erinnerte mich einfach daran, dass es wichtig ist, die richtigen Werkzeuge zum Geschichtenerzählen zu verwenden. Das mag für deinen einen das Diktiergerät sein, für den anderen ein Textprozessor, und für John Irving Papier und Bleistift. Als Informatiker kann ich jedoch nicht über meinen Schatten springen, kann ich nicht zurück zum rein Analogen. Ich bin ein begeisterter Nutzer von Apple Hardware, von iPhone über iPad zu Macbook und iMac. Die Notizen-App ist für mich eine der wichtigsten Programme. Das automatische Synchronisieren meiner Notizen ist, glaube ich, das von mir meistgenutzte Feature. Die Notizen-App erlaubt mir nicht nur, Notizen zu erfassen. Durch die iCloud habe ich die Notizen auch überall parat, und ohne, dass ich mich darum kümmern muss.

Auf dem iPad Pro nutze ich seit einer Weile die Notizen-App, um mit dem Apple Pencil handschriftlich Szenen zu entwickeln. Ich muss mich nur etwas mehr anstrengen, so leserlich zu schreiben, dass ich am Ende selbst noch entziffern kann, was ich da verbrochen habe. Mein Schreiben wird nicht nur (zwangs-)entschleunigt, es wird auch fokussierter. Ich kann Geschriebenes einfach durchstreichen und sehe später immer noch, dass ich eine andere Idee hatte. Und ich sehe auch noch, welche (dämliche oder gute) Idee das war. In der Textverarbeitung bedeutet gelöscht gleich verloren.

Heute morgen benötigte ich einen groben Lageplan, während ich eine Szene schrieb. Kein Problem. Eine Skizze im Text war in Minutenschnelle fertig.

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Im selben Flow schrieb ich dann an der Szene weiter. Kein Wechsel des Mediums oder der Software war dabei nötig. Nichts lenkte ab. Der Fokus blieb erhalten. Die notwendigen Details werde ich später recherchieren.

So ähnlich entstand auch dieser Blog-Eintrag. Der erste Entwurf entstand mit dem Apple Pencil in der Notizen-App. Dann ging ich an meinen iMac und öffnete auf der linken Seite die Notizen-App und auf der rechten Seite mein Schreibprogramm, konkret: links die handschriftlichen Notizen, rechts der WordPress-Editor im Safari Browser.

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Im Gegensatz zu früher brauche ich jetzt keinen Dokumentenhalter mehr für das Notizblatt oder ein Lineal, damit ich die Stelle auf dem Notizblock nicht verliere. Kein Wechsel der Blickrichtung mehr vom Schreibtisch hoch zum Monitor und zurück. Beide Dokumente liegen bequem auf meinem Bildschirm nebeneinander. Auf diese Weise kann ich den Text ins Reine schreiben. Hier besteht der Flow darin, den Text zu verbessern, auszuschmücken und in korrektes Deutsch zu verwandeln. Kommentare im Text werden zu To-Dos für später.

Durch die Verwendung des Apple Pencil und handschriftlicher Notizen konnte ich für mich den kreativen Prozess des Entwurfs von dem des Überarbeitens trennen. Alleine durch die Verwendung unterschiedlicher Werkzeuge versetze ich mein Gehirn in unterschiedliche Modi. Stift = Entwurf, Tastatur = Überarbeiten. Für mich funktioniert das.

Zudem finden beide Prozess typischerweise auch an unterschiedlichen Orten statt. Das Überarbeiten erledige ich fast ausschließlich am Schreibtisch. Diesen Prozess kann ich unterbrechen und später weiterführen. Er erfordert „nur“ Disziplin und für mich eine andere Art der Konzentration als beim Entwurf. Der Entwurfsprozess ist für mich viel fragiler. Für ihn brauche ich eine bestimmte Energie und muss besonders fokussiert sein. Tastatur und Schreibprogramm lenken mich da leicht ab. Die notwendige Energie bzw. den Fokus finde ich z. B. am Wohnzimmerfenster, wenn ich auf den Fluss und in die Ferne schaue, oder wenn ich im hektischen Café sitze. Am Schreibtisch fällt mir das immer sehr schwer.

[P. S.: Über Kommentare und Anmerkungen würde ich mich freuen.]

The proof is in the pudding

img_0476Wohin die Reise gehen soll, ist sicherlich die spannendste Frage im Leben überhaupt. Die Frage ist insbesondere akut, wenn man einen Karrierewechsel vornimmt.

Eine der befriedigendsten Tätigkeiten meiner Wissenschaftslaufbahn war das Arbeiten an Papieren. Das Einreichen von Artikeln zu Konferenzen oder Fachzeitschriften, das Warten auf eine Antwort war immer spannend: Wird meine Publikation angenommen, oder werden umfangreiche Änderungen gewünscht? Wird der Artikel gar zurückgewiesen? Dazu kam dann noch das Präsentieren der eigenen Arbeit auf Konferenzen und Workshops. Die Diskussion der Ideen und Ergebnisse. Der Karrieredruck stand natürlich immer im Hintergrund. „Publish or perish“, ohne Publikationen kein Bestehen im akademischen Dschungel. Aber dieser Teil meiner Karriere hat ja letztendlich ganz gut funktioniert.

Während meiner Studienzeit habe ich bereits kurze Stories – keine Kurzgeschichten – verfasst. Das war ein guter Ausgleich vom Lernstress. Wie beim Informatikstudium wollte ich beim Schreiben jedoch wissen, wie man bessere Geschichten schreibt und Geschichten besser erzählt. Das war damals gar nicht so einfach zu lernen, denn der Gedanke herrschte vor (und hält sich hartnäckig bis heute), dass man entweder das Talent zum Schreiben hat oder eben nicht. Punkt. Schreiben erlernen wie ein Handwerk? Mach dich doch nicht lächerlich.

Es gab damals zu allem Möglichen ein Ratgeber, nur nicht zum Schreiben. In Deutschland, vor mehr als 20 Jahren wohlgemerkt. Im englischsprachigen Raum sieht man die Schriftstellerei schon lange entspannter. Es gibt viele Ratgeber zu allen möglichen Aspekten des Schreibens. Und es gibt Schulen und Kurse. Natürlich braucht man auch Talent. Keine Frage. Ein talentierter Tischler wird tolle Möbel entwerfen – aber basierend auf den erlernten Techniken. Eine Architektin wird kühne Brücken entwerfen – basierend auf den Methoden, die sie in einem langjährigen Studium und mit Erfahrungen aus der Praxis erwirbt. Und so weiter. Nur beim Schreiben wird das Handwerkliche (in Deutschland) nicht erwartet.

Was also tun, wenn man die gewünschten Information in deutschen Buchhandlungen nicht findet? Glücklicherweise war das World Wide Web gerade erfunden worden, und ich hatte an der Universität Zugriff darauf. Amerikanische Autoren teilten online ihr Wissen über das Plotten, Settings, Dialoge, Konflikte, usw. usf. Ich fand und abonnierte den fantastischen Newsletter inklings, herausgegeben von Debbi Ridpath Ohi. Leider existiert der Newsletter schon lange nicht mehr. Untergegangen mit der Dotcom-Blase. Das war eine Fundgrube an Informationen.

Wäre so ein Newsletter nicht etwas für deutsche Autoren? Ich schrieb verschiedene amerikanische Autoren an und bat darum, ihre Text übersetzen zu dürfen. Mit meiner Frau und mehreren anderen Mitstreitern gründete ich 1996 zunächst einen Club mit vierteljährlichem Newsletter, in dem wir zunächst hauptsächlich die übersetzten Artikel veröffentlichten. Nach und nach kam Material von deutschen Autoren hinzu. 1999 gingen wir komplett online. Seitdem gibt autorenforum.de einen Newsletter an mehr als 6000 Abonnenten heraus, zu allen Themen rund ums Schreiben. (Er ist kostenlos! Einfach auf der Website abonnieren.)

Meine Ausgangslage ist mit dem Zugriff auf Schreibwissen und Wissen über den Medienbetrieb in Deutschland (und weltweit) also nicht schlecht. Als Koautor im Team Alex Thomas habe ich an bisher vier Romanen mitgeschrieben und Erfahrungen gesammelt.

Jetzt geht’s daran, den eingangs erwähnten ‚Pudding‘ zu produzieren. Jetzt, da wir zu zweit aktiv sind und wir beide Vollzeit als Autoren arbeiten, kann ich ebenfalls Romanprojekte entwickeln und umsetzen. Und diese Woche war es dann soweit, Wochen nach unserem Umzug nach Deutschland, nach der Einrichtung unserer Wohnung, nach vielen Ämtergängen. Endlich konnte ich „Endlich!“ sagen.  Und was seit Monaten als Ideensammlung existierte, wurde diese Woche konkret. Das Exposé für den ersten Roman einer neuen Serie nahm Gestalt an und der Prolog dafür steht. Ideen für zwei Folgeromane sind notiert.

Es kann also festgehalten werden: Seit dem 1. März wird geschrieben. 

Version 2

Für Lesungen gerüstet

[Update: Habe das Dokument „Lesungen: Kaufempfehlungen für technische Ausrüstung“ mit der Erlaubnis von Tommy Krappweis hochgeladen und verlinkt.]

Endlich können wir Lesungen unserer Romane anbieten. Das war einer meiner ersten Gedanken, als wir letztes Jahr beschlossen, nach Deutschland zurückzukehren. Zur Erinnerung, wir waren just zu dem Zeitpunkt nach London gezogen, als unser Debütroman Lux Domini erschien. Das machte Lesungen, logistisch gesehen, für uns unmöglich. Da wir zurück sind, sieht die Sache jetzt natürlich anders aus.

Von meinem früheren Beruf bin ich gewohnt, vor Publikum aufzutreten und Vorträge zu halten. Ich war immer froh, wenn ich technische Unterstützung hatte. Mit einem Mikrophon kann man viel näher an das Publikum heran. Das hört sich erst einmal nicht intuitiv an. Man verstärkt ja die Stimme, um zu einem größeren Publikum zu sprechen. Aber dadurch rückt auch die letzte Reihe viel näher an die Bühne. Wie ich gerade am letzten Wochenende aus einer Dokumentation über die Entwicklung des Pop und der Gesangsaufnahme [1] gelernt habe, waren es Sänger wie Elvis Presley und Frank Sinatra, die das früh erkannt haben. Aber keine Angst, niemand wird mich jemals singen hören. Versprochen.

Ich habe gründlich zum Thema Lesung und Lesungsorganisation recherchiert. Der gleichlautende Tenor: Nur mit Glück haben Lesungsveranstalter funktionierende Technik und gleichzeitig jemanden, der die Technik auch bedienen kann. Der Schluss ist offensichtlich: selber Technik mitbringen. Falls dann Technik vorhanden ist und jemand sie bedienen kann, schön. Wenn nicht, hat man einen Backup-Plan.

So schön, so gut. Aber was braucht man denn? Als Laie sagte ich mir: Mikrophon und Lautsprecher. Ist doch offensichtlich. Also lass uns doch mal bei Amazon vorbeischauen. Tja. Natürlich gibt es zig Varianten. Was jetzt?

technikempfehlung-snapshotGoogle sei Dank bin ich auf ein sehr nützliches Dokument mit konkreten Kaufempfehlungen von Tommy Krappweis gestoßen. Tommy Krappweis ist u. a. Autor von Mara und der Feuerbringer, Miterfinder von Bernd das Brot, Gründer der Produktionsfirma bumm film GmbH, etc. Auf einem Lesungs-Workshop auf dem Buchmesse Con 2016 beleuchtete er die technische Seite von Lesungen. Basierend auf seinen Kaufempfehlungen besorgte ich mir ein Shure SM58 S Mikrofon samt Mikrofonständer. Dazu ein kleines Behringer XENYX 1002B Mischpult und den tragbaren Bluetooth-Lautsprecher Creative Sound Blaster Roar 2. Das funktioniert auch alles hervorragend.
Technisch gesehen, kann es jetzt also losgehen. Wir arbeiten an den Lesungsterminen. Schließlich erscheint jetzt unser vierter Roman Blutpforte.

[1] „Achtung, Aufnahme! In den Schmieden des Pop (4/6) – Das Geheimnis der Stimme“, arte.tv