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Schreibpraxis: Integrierte Schreibumgebung Scrivener

Jeder kennt das Problem. Man hat zig Dokumente, Photos und Konzepte, die in einem Sinnzusammenhang stehen, aber man hat diesen Zusammenhang ‚nur‘ im Kopf. Man kann ihn im Computer nicht adäquat abbilden. Man baut sich unter Umständen Krücken wie eine Textdatei, die zusammengehörende Dokumente benennt, vielleicht noch mit ein paar erläuternden Worten zu jedem Dokument. Die Datei- und Ordnernamen werden sorgfältig ausgewählt sowie Ordnerhierarchien konstruiert („Angebote 2017“, „Rechnungen 2017“, „Rechnung 2017-01.doc“, „Rechnung 2017-02.doc“, etc.). Auch Mindmaps können helfen. Aber wehe dem, Ordnerpfade oder Dateinamen werden geändert. Und nach ein paar Monaten oder Jahren hat man das meiste sowieso vergessen.

Vor mehr als zehn Jahren habe ich im Forschungsprojekt NEPOPMUK – The Social Semantic Desktop untersucht, wie man beliebige digitale Objekte (Dateien, Referenzen, Elemente in Daten) miteinander sinnvoll in Zusammenhang stellen kann. „Tags“ und „Labels“ sind solche Möglichkeiten, die moderne Betriebssysteme mittlerweile neben Ordnerhierarchien für die Strukturierung zur Verfügung stellen. Da die sinnvolle Unterstützung von der jeweiligen Anwendungsdomäne bzw. dem Anwendungszweck abhängt, ist es jedoch sehr schwer, so etwas allgemeingültig auf Betriebssystemebene anzubieten. Integrierte Entwicklungsumgebungen können das schon eher.

Integrierte Entwicklungsumgebungen (Integrated Development Environment, IDE) nennt man in der Softwareentwicklung Programmpakete, die die systematische Entwicklung von qualitativ hochwertigem Programmcode in kurzer Zeit unterstützen. Diesem Zweck sind alle internen Strukturen und Editoren angepasst. Code gehört dabei gewissen Kategorien an (z. B. Benutzerschnittstelle oder Datenbankzugriff) und ist in bestimmten Sprachen geschrieben (z. B. Java oder C++). Manche Datei ist nur zur Referenz enthalten oder illustriert Projektentscheidungen. Jede Datei hat einen Status. Und so weiter …

Wer mich kennt, weiß, dass ich strukturiertes Vorgehen jederzeit dem chaotischen vorziehe. Wenn ich ein System finde, das für mich funktioniert, bleibe ich dabei. Ich baue systematische Vorgänge und Automatismen auf, wo ich kann. Das entlastet mich. Systeme erlauben mir, mich auf wichtige Dinge zu konzentrieren und unwichtige zu verdrängen. Die Anwendung von Getting Things Done mit Hilfe von Omnifocus, die Verwendung von Say&Go und das automatische Abspeichern der Sprachnotizen in meiner Dropbox sowie die Bevorzugung handschriftlicher Notizen zur Entwicklung von Ideen und Texten sind Beispiele dafür. Es dürfte also niemanden verwundern, dass ich eine geschlossene, integrierte Schreibumgebung der Verwendung von Einzelprogrammen und Betriebssystemordnern vorziehe.

Vor ein paar Jahren bin ich auf die integrierte Schreibumgebung Scrivener (Literature and Latte Homepage) gestoßen, die mir alles liefert, was ich zum Schreiben brauche. Scrivener unterstützt sowohl das Schreiben kurzer Texte (z. B. Aufsätze aller Art) als auch das Verfassen längerer Texte wie Dissertationen, Romane oder Drehbücher. Was für mich ausschlaggebend war, ist die Möglichkeit, den Romantext vom Recherchematerial getrennt zu halten, aber doch im selben System zu pflegen. Ich kann Bildmaterial sammeln, Textschnipsel oder Webadressen. Alles kann ich mit Kommentaren versehen. Jedes Dokument hat einen Status (z. B. „To Do“ oder „Draft“). Bei jeder Szene, weiß ich damit, ob ich mit ihr zufrieden bin oder ob ich noch Arbeit hineinstecken muss. Ich kann jedem Dokument ein farbiges Label verpassen. Ich benutze dieses Feature zurzeit, um zu markieren, aus wessen Sicht ich die entsprechende Szene schreibe bzw. schreiben will.

Scrivener stellt mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, die Struktur meines Romans darzustellen und zu ändern. Für jedes Dokument kann ich eine kurze Zusammenfassung schreiben. Sehr nützlich für die Planung, kann ich nur sagen. Die Karteikarten Ansicht zeigt die entsprechende Zusammenfassung. Hier kommt die farbliche Markierung gut zum Tragen. Erzähle ich mehrere Szenen aus der Sicht derselben Person? Versetze ich mich oft genug in dieselbe Person oder nicht oft genug? Das ist dann leicht zu erkennen.

Scrivener-Karteikartenansicht

Karteikartenansicht in Scrivener

Scrivener-Gliederungsansicht

Gliederungsansicht in Scrivener

Die Karteikartenansicht und die Gliederungsansicht sind beide sehr nützliche Perspektiven auf den Roman und für die Änderung der Szenenreihenfolge. Mit einem Click verschiebe ich eine Szene oder fasse Szenen zu einem Kapitel zusammen. Damit man im Falle eines Falles Änderungen schnell rückgängig machen kann oder, positiver formuliert, damit man verschieden Szenarien durchspielen kann, erlaubt Scrivener Snapshots zu machen, zu denen man einfach zurückkehren kann.

Scrivener-ProjektzieleFür freischaffende Autoren sind Deadlines ein notwendiges Übel. Scrivener unterstützt auch hier. Man kann die Wochentage einstellen, an denen man effektiv schreibt. Basierend auf einem Abgabedatum und dem Manuskriptziel, formuliert in Anzahl Zeichen, Worten oder Seiten, berechnet Scrivener automatisch den Fortschritt und wieviele Zeichen, Worte oder Seiten pro Tag geschrieben werden müssen, um die Deadline zu halten. Wie bei der AppleWatch und meinen täglichen Fitnesszielen finde ich das tägliche Erreichen meines Schreibziels sehr motivierend. So bekomme ich auch ein Gefühl für meine Fortschritte.

Scrivener bietet noch eine ganze Menge mehr Funktionen, über die ich ein anderes Mal berichten werde.

Schreibpraxis: Getting Things Done und Say&Go

„Nicht die Milch und das Backpulver vergessen. Nicht die Milch und das Backpulver vergessen.“

Wer kennt nicht dieses gebetsmühlenartige Wiederholen von Informationen, zum Beispiel auf dem Weg zum Supermarkt. Wir haben eine Idee und können sie gerade nicht aufschreiben. Schon muss unser Gehirn sich darauf fokussieren, und es bleibt für nichts anderes mehr verfügbar.

Unser Gehirn ist nicht sonderlich gut darin, sich Dinge kurzfristig zu merken. Dafür ist unser Kurzzeitgedächtnis gar nicht gedacht. Ohne Training fällt es uns ausgesprochen schwer, mehrere Dinge zuverlässig gleichzeitig im Kopf zu behalten. Oft genug bemerken wir erst später, dass wir vergessen haben, uns auf obiges Mantra zu konzentrieren. Daher bin ich seit Jahren ein Fan von David Allens „Getting Things Done“-Methode.

Getting Things Done, oder GTD, basiert auf der obigen Erkenntnis, dass unser Kurzzeitgedächtnis Probleme hat, mehr als eine Handvoll Dinge zu behalten. Alles, was getan werden soll, muss daher in ein zuverlässigeres System übertragen werden. Bei GTD werden daher Listen geführt (Projekte), die dann systematisch abgearbeitet werden können. Dabei geht dann nichts verloren. (Vor ein paar Jahren habe ich ein paar Worte zu GTD und Omnifocus (auf Englisch) verloren. Omnifocus benutze ich immer noch und sehr gerne.)

Das Thema, um das es mir in diesem Blogpost geht, ist das Festhalten von Ideen oder Dingen, die ich später erledigen will. Als Autor hat man immer etwas zum Aufschreiben in greifbarer Nähe. Zuhause ist das für mich kein Problem. Unterwegs nutze ich mein Smartphone oder Tablet. Solange ich die Hände frei habe, funktioniert das ganz gut. Aber was macht man beim Autofahren? Oder auf dem Fahrrad? Auch da kann einen ja die Muse hinterrücks überfallen und küssen.

Ich baue regelrecht darauf, dass mir Ideen beim Sport im Gym oder beim Laufen draußen in der Natur kommen. Jedesmal war ich bisher gezwungen, entweder das Handy aus einer speziellen Tasche herauszufummeln oder zu versuchen, mir krampfhaft zu merken, was mir eingefallen ist. „Denk‘ daran, dass der Geheimcode 42 ist. Denk‘ daran …“ Nur um nach der Dusche festzustellen, dass ich mich weder daran erinnern kann, dass es um einen Geheimcode und um eine bestimmte Zahl ging. Nur dass es wichtig war und eine gute Idee, das behalte ich.

Vor kurzem bin ich auf diese nützliche (und preiswerte) App gestoßen: Say&Go. Sie macht nicht viel, aber sie macht genau das, was ich brauche. Say&Go zeichnet Audionachrichten auf. Mit nur einem Klick/Touch. Voreingestellt ist eine Aufnahmezeit von sieben Sekunden, was sich für mich bewährt hat. Man kann entweder diese Zeit ändern oder, wenn man gerade besonders viel aufnehmen will, spontan eine Minute hinzufügen. Im Prinzip kann das die mitgelieferte iPhone-App Sprachmemos auch. Aber man muss mehr mit der App interagieren, was beim Laufen auf dem Laufband oder in der freien Natur hinderlich bzw. gefährlich ist.

Was Say&Go für mich letztendlich so praktisch macht, ist die zugehörige AppleWatch-App. Im Gym oder beim Laufen steckt mein iPhone, wie oben erwähnt, in einer speziellen Tasche. Es ist umständlich, das Smartphone herauszuholen. Es besteht immer die Gefahr, dass es dabei herunterfällt (oder eben ich). Die AppleWatch ist am Handgelenk und hat ein eigenes Mikrofon (samt Lautsprecher – aber den benutze ich selten). Mit Say&Go heißt es jetzt einfach:

  • App aktivieren
  • Aufnahme starten
  • Idee aufsprechen
  • Fertig

Die App stoppt, wie gesagt, nach der voreingestellten Zeit automatisch. So geht nichts verloren, und mein Kopf bleibt frei für weitere Ideen oder das Genießen der Landschaft.

Sobald ich dann zuhause bin oder ein WLAN verfügbar ist, kommt ein zweites nützliches Feature von Say&Go zum Tragen. Wenn man die App mit dem eigenen Dropbox-Account verbindet, werden aufgezeichnete Sprachnachrichten automatisch vom iPhone in einen Dropbox-Ordner verschoben. Am iMac oder iPad höre ich mir dann die Aufzeichnung an und übertrage die Notiz, zum Beispiel in ein entsprechendes Projekt in Omnifocus oder vermerke eine Erinnerung in meinem Manuskript.

Wie macht ihr das? Welche Apps oder welches System nutzt ihr, um effizient Ideen zu aufzuzeichnen und auch wiederzufinden?

Schreibpraxis: Entschleunigung mit dem Apple Pencil

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie so manche Fernsehdokumentation, so manches Sachbuch oder Roman zur rechten Zeit daherkommen. Diesmal war es eine Dokumentation über den Autor John Irving. Er ist vermutlich den meisten bekannt durch seinen Roman Garp und wie er die Welt sah. Die Dokumentation beleuchtet viele Elemente von Irvings Schaffen, darunter auch, wie er arbeitet. Am meisten erstaunte mich, dass er seine Romane komplett mit der Hand schreibt. Klar nutzt er auch Computer. Für’s Email schreiben, für Geschäftsbriefe, für’s Skypen. Aber eben nicht für seine Romane. Für ihn hat das Schreiben mit der Hand vor allem den Sinn der Entschleunigung und dem Fokussieren auf das, was er wie ausdrücken möchte.

Wie jeder kreative Prozess, ist auch das Schreiben ein Vorgang, der nur allzu leicht unterbrochen werden kann. Ablenkungen lauern überall. Sind die Einkäufe erledigt? Habe ich die Rechnungen bezahlt? Sind noch Emails zu beantworten? Facebook updates? Interviewfragen … ach ja, das erinnert mich … Mit ein wenig Disziplin (und abgeschalteten Benachrichtigungen! Auf allen Geräten!) bekommt man diese Arten der Unterbrechung und Ablenkung gut in den Griff. Von meinem wissenschaftlichen Schreiben kenne ich das ja bereits. Hier musste ich also nichts ändern.

Wo liegt also mein Problem? Es ist ganz einfach. Ich kann es nicht leiden, wenn Rechtschreibung und Grammatik nicht auf Anhieb stimmen. Man kann die roten und grünen Unterkringelungen abschalten. Klar. Aber da wären noch zu viele Leerzeichen, Kommas an der falschen Stelle und die falschen Anführungszeichen vor oder hinter dem entsprechenden Text. Blocksatz? Flattersatz? Und müsste der Eigenname nicht kursiv gesetzt werden? Lass mich doch mal Google zurate ziehen … You get the picture, right? Diese Kleinigkeiten reißen mich aus dem Flow und rein in die Prokrastination.

Das ist kein neues Phänomen für mich. Bei wissenschaftlichen Papieren habe ich daher meist handschriftlich vorformuliert. Ging ganz gut. Ich musste meist nur die Einleitung und Motivation vorformulieren. Vielleicht noch das Abstract entwerfen oder mögliche zukünftige Arbeiten beschreiben. Die eigentlichen Forschungsergebnisse kamen aus den Experimenten und Diskussionen mit den Koautoren. Jetzt, als freier Romanautor, geht es um längere Passagen. Mehr Text. Und als Informatiker? Sollte ich da nicht moderner vorgehen, als Papier und Bleistift zu verwenden? Sollte ich nicht gleich in die Tasten hauen, um perfekte Texte zu schreiben? 

Tja, an diesem Punkt kommt die Dokumentation über John Irving ins Spiel. Der Autor erinnerte mich einfach daran, dass es wichtig ist, die richtigen Werkzeuge zum Geschichtenerzählen zu verwenden. Das mag für deinen einen das Diktiergerät sein, für den anderen ein Textprozessor, und für John Irving Papier und Bleistift. Als Informatiker kann ich jedoch nicht über meinen Schatten springen, kann ich nicht zurück zum rein Analogen. Ich bin ein begeisterter Nutzer von Apple Hardware, von iPhone über iPad zu Macbook und iMac. Die Notizen-App ist für mich eine der wichtigsten Programme. Das automatische Synchronisieren meiner Notizen ist, glaube ich, das von mir meistgenutzte Feature. Die Notizen-App erlaubt mir nicht nur, Notizen zu erfassen. Durch die iCloud habe ich die Notizen auch überall parat, und ohne, dass ich mich darum kümmern muss.

Auf dem iPad Pro nutze ich seit einer Weile die Notizen-App, um mit dem Apple Pencil handschriftlich Szenen zu entwickeln. Ich muss mich nur etwas mehr anstrengen, so leserlich zu schreiben, dass ich am Ende selbst noch entziffern kann, was ich da verbrochen habe. Mein Schreiben wird nicht nur (zwangs-)entschleunigt, es wird auch fokussierter. Ich kann Geschriebenes einfach durchstreichen und sehe später immer noch, dass ich eine andere Idee hatte. Und ich sehe auch noch, welche (dämliche oder gute) Idee das war. In der Textverarbeitung bedeutet gelöscht gleich verloren.

Heute morgen benötigte ich einen groben Lageplan, während ich eine Szene schrieb. Kein Problem. Eine Skizze im Text war in Minutenschnelle fertig.

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Im selben Flow schrieb ich dann an der Szene weiter. Kein Wechsel des Mediums oder der Software war dabei nötig. Nichts lenkte ab. Der Fokus blieb erhalten. Die notwendigen Details werde ich später recherchieren.

So ähnlich entstand auch dieser Blog-Eintrag. Der erste Entwurf entstand mit dem Apple Pencil in der Notizen-App. Dann ging ich an meinen iMac und öffnete auf der linken Seite die Notizen-App und auf der rechten Seite mein Schreibprogramm, konkret: links die handschriftlichen Notizen, rechts der WordPress-Editor im Safari Browser.

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Im Gegensatz zu früher brauche ich jetzt keinen Dokumentenhalter mehr für das Notizblatt oder ein Lineal, damit ich die Stelle auf dem Notizblock nicht verliere. Kein Wechsel der Blickrichtung mehr vom Schreibtisch hoch zum Monitor und zurück. Beide Dokumente liegen bequem auf meinem Bildschirm nebeneinander. Auf diese Weise kann ich den Text ins Reine schreiben. Hier besteht der Flow darin, den Text zu verbessern, auszuschmücken und in korrektes Deutsch zu verwandeln. Kommentare im Text werden zu To-Dos für später.

Durch die Verwendung des Apple Pencil und handschriftlicher Notizen konnte ich für mich den kreativen Prozess des Entwurfs von dem des Überarbeitens trennen. Alleine durch die Verwendung unterschiedlicher Werkzeuge versetze ich mein Gehirn in unterschiedliche Modi. Stift = Entwurf, Tastatur = Überarbeiten. Für mich funktioniert das.

Zudem finden beide Prozess typischerweise auch an unterschiedlichen Orten statt. Das Überarbeiten erledige ich fast ausschließlich am Schreibtisch. Diesen Prozess kann ich unterbrechen und später weiterführen. Er erfordert „nur“ Disziplin und für mich eine andere Art der Konzentration als beim Entwurf. Der Entwurfsprozess ist für mich viel fragiler. Für ihn brauche ich eine bestimmte Energie und muss besonders fokussiert sein. Tastatur und Schreibprogramm lenken mich da leicht ab. Die notwendige Energie bzw. den Fokus finde ich z. B. am Wohnzimmerfenster, wenn ich auf den Fluss und in die Ferne schaue, oder wenn ich im hektischen Café sitze. Am Schreibtisch fällt mir das immer sehr schwer.

[P. S.: Über Kommentare und Anmerkungen würde ich mich freuen.]