Über die Freude am Schreiben


»Was macht dir eigentlich so viel Freude? Warum nimmst du es auf dich, ein halbes Jahr und länger an einem Roman zu sitzen?« (Anonymous)

Gute Frage. ›Instant Gratification‹ geht anders, nicht wahr?

Wenn man das Romanschreiben nur auf einem sehr groben Niveau betrachtet — vorher: kein Roman; nachher: ein Roman — wäre auch mir die Zeit zu lange, bis ich mich über das Ergebnis meiner Arbeit freuen kann. Man braucht schon ein paar Erfolgserlebnisse zwischendurch. Meine Promotion hat mehrere Jahre gedauert, doch in der Zwischenzeit gab es viele Etappen, die mir Freude bereitet haben und Erfolgsgefühle lieferten. Die Entstehung eines Romans unterteile ich für mich grob in fünf Phasen: Entwicklung des Romankonzepts und des Exposés, das Schreiben des Rohentwurfs, die eigene Überarbeitung und schließlich, in Zusammenarbeit mit Testlesern und dem Verlag, die Fertigstellung. Wo sind darin meine Glücksmomente zu finden?

Von der Romanidee zum Konzept

Was für eine aufregende Zeit. Der Big Bang für den Roman und das Universum, in dem er lebt. Diese Phase halte ich ganz bewusst relativ kurz (in Bezug zur Schreibdauer des Romans), denn sie lässt sich beliebig ausdehnen. In dieser Zeit stöbere ich viel in Buchhandlungen und recherchiere in Online-Katalogen. Was würde ich gerne im Buchladen finden? In welcher Ecke sollte die Geschichte stehen, damit sie potentielle Leser finden können?

Das Konzept besteht dann für mich aus einer losen Sammlung von Notizen mit Themen, Orten, grobe Beschreibungen von Protagonisten und von Handlungssträngen. Dieses Rumspinnen und Ideensammeln macht mir viel Spaß. Sobald ich einen ersten Klappentext formulieren kann, bin ich bereit für den nächsten Schritt.

Vom Konzept zum Exposé

Mit der Notizensammlung setze ich mich gerne ins Café oder mit einer Tasse Kaffee in die Stadtbücherei. Jetzt gilt es Struktur in die Sache zu bringen. Welche Ideen passen zusammen und welche nicht? Welche Ideen verstärken sich gegenseitig und welche schwächen sich? Welche Charakterzüge sollten die Protagonisten haben, um alleine schon dadurch Konfliktpotential zwischen ihnen zu schaffen? Oder wird die Geschichte abenteuerlich genug, so dass die Protagonisten bereits ein Team sein müssen? Dennoch muss es Reibungspotential zwischen den Teammitgliedern geben.

Im Kopf besetze ich meine Rollen gerne mit realen Personen. Selten ziehe ich dazu meine Freunde, Bekannten und Verwandten heran. Bekannte Schauspiele sind es auch selten. Lieber suche ich nach Bildern im Web. Ob mit Google oder Pinterest, in Shutterstock oder anderen Bildbibliotheken findet sich immer jemand, der meine Fantasie anregt.

Aus alledem entwickle ich die zentrale Geschichte auf zwei oder drei Seiten. Ideen, die ich nicht verwende, kommen in einen Sammelordner. Vielleicht benötige ich sie später in einer Nebenhandlung oder in einer anderen Geschichte. Neue Ideen kommen ebenfalls hinzu, doch im Gegensatz zur vorherigen Phase müssen sich jetzt alle Ideen der neuen Geschichte unterordnen.

Strukturierung, Rollenbesetzung und die Fertigstellung des Exposés sind dabei die Dinge, die mir besonders viel Freude bereiten.

Ausgestaltung des Exposés: Der erste Entwurf

»A first draft is just the writer telling the story to him- or herself; the later drafts are about telling the important parts of that story to someone else.« J. Michael Straczynski (@straczynski)

Das Exposé steht also. Meine Protagonisten sind bereit. Nun darf ich die Protagonisten beobachten und ihr Denken und Schaffen aufzeichnen. Jedes Kapitel, das den Roman Richtung Mittelteil und schlussendlich zum Finale treibt, bringt dabei seine eigenen Herausforderungen mit sich. Jede gemeisterte Herausforderung ist enorm befriedigend.

Diese Zeit des Schreibens gehört für mich zur schönsten Zeit, denn während dieser Zeit gehört die Geschichte nur mir. Ich bin ihr einziger Kritiker. Ich darf außerdem massenweise kryptische Andeutungen über die Story machen, ohne etwas erklären zu müssen. Und wenn die Erklärung zu verworren ist: »Das ist halt Work in Progress«. Solange der Roman nicht veröffentlicht ist, ist alles im Fluss.

Schon während der erste Entwurf entsteht, überarbeite ich den Text ständig. Ein Roman entsteht nicht am Stück. Je länger der Text wird, desto mehr Kapitel muss man erneut lesen, um korrekt anknüpfen zu können. Dabei passe ich den Text an. Was wissen die Protagonisten bereits, was die Leser? Ich feile und poliere, schneide weg und kondensiere. Ich erfreue mich daran, wie Details Form annehmen.

Eigene Überarbeitung(en)

Nachdem der erste Entwurf komplett steht und ich mich ein oder zwei Wochen lang über diese Tatsache gefreut habe — und währenddessen Liegengebliebenes von mir aufgearbeitet wurde — lese ich mein Werk komplett durch und mache Anmerkungen über Anmerkungen, und ich freue mich dabei, über alles, was mir bereits gelungen ist, wo ich mit der Geschichte mitgehe, lache, verachte, traure und so weiter. Danach geht es an die Detailarbeit. Die erkannten Fehler gilt es auszumerzen, Schwächen zu beheben und die Struktur weiter zu verstärken, weiter zu feilen, weiter zu polieren.

Testleserfeedback, Lektorat, Korrektorat

Jetzt wird’s ernst(er): Das Manuskript geht an die Testleser. Ich freue mich auf die Rückmeldungen und setze mich gerne mit den Kommentaren und Kritikpunkten auseinander (siehe anderswo). Das gemeinsame Ziel ist letztendlich, ein gutes Produkt herzustellen, eine fesselnde Geschichte. Je besser ich das mit meinen Testlesern hinbekomme, desto mehr kann danach das Lektorat herausholen.

Das Cover

Das Cover ist schließlich das Sahnehäubchen. Es soll der Welt die Geschichte zeigen, soll Appetit machen, den Greifreflex auslösen. Während ich schreibe, denke ich immer mal wieder darüber nach, was eventuell auf dem Cover zu sehen sein könnte, doch ich habe selten eine konkrete Vorstellung und lasse mich lieber von der Kreativität der Designer überraschen.

Fazit: »Lots of fun can be had 😀«

Man arbeitet selten nur an einem Roman. Die Phasen der verschiedenen Romane überlappen sich und verstärken so die Freude am Schreiben sogar noch. Ich besuche gerne Buchhandlungen mit meiner Frau und Co-Autorin und spekuliere mit ihr über Ideen — ob sie zu etwas führen oder nicht, ist dabei unerheblich. Wie in jedem Beruf muss man auch als Autor mit allerlei Problemen ringen. Doch die Freude am Schreiben überwiegt für mich bei weitem.

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