Schreibpraxis: Kreative Räume


Jeder Autor versucht täglich, schnell in seinen kreativen Flow zu kommen, in den „Zustand des Glücksgefühls, in den Menschen geraten, wenn sie gänzlich in einer Beschäftigung ‚aufgehen'“ (Mihály Csíkszentmihályi). Das war nicht anders, als ich früher an wissenschaftlichen Papieren arbeitete oder heute an Romanprojekten schreibe. Ich versuche immer, mir kreative Räume zu schaffen. (Und ich meine damit nicht kreative Freiräume! Das ist vielleicht ein zukünftiger Blogpost.)

In meinem letzten Blogeintrag habe ich das EU-Projekt NEPOMUK – The Social Semantic Desktop angesprochen. In diesem Forschungsprojekt haben wir an der Implementierung des persönlichen Wissensarbeitsplatzes gearbeitet. Für mich war der spannendste Anteil die Arbeit mit Kollegen der Königlichen Technischen Hochschule (Kungliga Tekniska högskolan, kurz KTH) in Stockholm. Meine schwedischen Kollegen brachten unter anderem ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus dem technischen Design und dem Design von Mensch-Maschine-Interaktionen ein. In contextual interviews und durch Beobachtung von PC-Benutzern entwickelten sie Personas, fiktive Personen, die bestimmte Benutzergruppen verkörpern. ellaSo gab es zum Beispiel Ella, Mutter von zwei Kindern, Lucien (3) und Adèle (5), verheiratet mit Anton. Die Familie lebt in einer Villa in Maisons-Laffitte, einer Pariser Vorstadt. Es gibt noch einiges mehr in ihrer Beschreibung, u. a. welche Berufsziele sie hat und wie wir sie mit dem Wissensarbeitsplatz unterstützen könnten. Neben dem Portrait wurde von allen Personas Ganzkörperabbildungen geschaffen. Und bei unseren Projekttreffen waren alle Personas anwesend, auf Ausziehbannern in Lebensgröße. Sie waren im Blick und in kleineren Besprechungsräumen auch manchmal im Weg. Es war schwer sie zu ignorieren. Und das war auch der Sinn und Zweck.

Als ich das HCI-Department an der KTH einmal besuchte, fiel mir auf, wie viele Design-Beispiele in der ganzen Abteilung sichtbar waren, in Vitrinen ausgestellt oder einfach als Printouts an der Wand. Ich lernte, dass Designer generell so arbeiten. Sie brauchen die Beispiele als Trigger für die eigene Kreativität. Was ich noch besser fand: Sie benutzten diese Beispiele aktiv als Trigger und zur Unterstützung ihrer kreativen Prozesse.

Ich bin ein großer Fan von Making-of-Dokumentationen von Spielfilmen und gebe gerne ein paar Euro mehr aus für Special Editions. Besonders lehrreich fand ich damals – so 2002 oder 2003 denke ich – die ausführlichen Erläuterungen zu den kreativen Entwicklungsprozessen von Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Trilogie. Da sind zum Beispiel die WETA-Workshop-Büros zu sehen, die förmlich überquellen von Modellen und Designentwürfen. Gesehen hatte ich das schon, aber den Bezug hatte ich nicht hergestellt zwischen Inspiration zur Hand haben und eigene Kreativität anwenden. Diesen Bezug stellte ich erst etwa fünf Jahre später im Rahmen der Arbeit mit den Stockholmer Kollegen her.

Im Grunde gilt: Jeder Raum lässt sich leicht zum kreativen Raum aufrüsten, indem man aus ihm alles ablenkende Material entfernt und in ihm die richtigen Werkzeuge bzw. Informationen griffbereit zur Hand legt. Wenn ich mich nicht um die Suche nach wichtigen Informationen kümmern muss, sondern mich einfach danach umdrehen oder zur Seite greifen kann, um sie zu finden, bleibe ich viel wahrscheinlicher in meinem Flow.

Seit den NEPOMUK-Zeiten gehören daher drei Dinge zur Grundausstattung meiner Büros: Whiteboard, Magnetleisten und Moderationstafel .

WhiteboardDas Whiteboard muss dabei groß genug sein. Es sollte zudem unbedingt magnetisch sein, damit man schnell mal etwas aufhängen kann. Man kann darauf wunderbar Ideen entwickeln und mit anderen diskutieren. Es ist ein temporärer Ideenraum und nicht dafür gedacht, etwas länger zu dokumentieren. Mit einem Smartphone ist das Ergebnis trotzdem schnell festgehalten.

MagnetleistenEbenfalls unverzichtbar sind für mich alle magnetischen Oberflächen. An zwei Universitäten hatte ich Metallspinde im Büro, die hervorragend geeignet waren, Photographien, Bildschirmsnapshots, Besprechungsnotizen, Entwürfe von Softwarearchitekturen etc. griffbereit aufzuhängen. In unserem aktuellen Arbeitszimmer verwenden wir selbstklebenden Edelstahl-Magnetstreifen.

ModerationstafelDas dritte für mich unverzichtbare Werkzeug für die Einrichtung eines kreativen Raums ist eine Moderationstafel. So manchem sind die filzbespannten Tafeln von Messen oder Fortbildungsveranstaltungen bekannt. An eine Moderationstafel kann man wiederum alles mögliche mit Pins befestigen. Wer will, kann wie bei CSI oder ähnlichen Polizeiserien farbiges Garn zwischen den Fotos, Texten und Skizzen spannen, um Verbindungen zu symbolisieren. Mir reicht die hier dargestellte Gruppierung von Elementen völlig aus. Bisher 😉

Mit den drei Werkzeugen Whiteboard, Magnetleisten und Moderationstafel erzeuge ich mir eine kreative Blase, die mir Eckpunkte meines aktuellen Romans immer vor Augen hält. Details sind immer direkt greifbar. Wichtige Rechercheergebnisse brauche ich nicht erst irgendwo herauszukramen. Wenn meine Augen durch das Büro wandern, finden sie immer etwas, das zum Romanprojekt gehört. Alle anderen To-Do-Listen und Erinnerungen habe ich aus meinem unmittelbaren Blickfeld verbannt. Und wenn ich gewisse Aspekte im Roman verarbeitet habe, räume ich das Material in einen vorbereiteten Karton. So verändert sich mein kreativer Raum mit der Zeit und bleibt dabei immer aktuell.

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2 Antworten zu “Schreibpraxis: Kreative Räume

  1. Fascinating blog. Thomas Edison said that ‘genius is 1% inspiration, 99% perspiration’. I would suggest that creative writing is 1% inspiration, 99% organization. I totally agree with the need to have a creative bubble. Some use time to principally define this bubble while others use physical location.

    Nevil Shute used to try and define his creative bubble using time. Shute was a popular British novelist during the 1940s and 50s. Originally an engineer by profession, in many ways he treated a book as a project which had to be managed using engineering project management techniques. While a novel was in preparation, he would therefore sit in his office at home from 9.30 until 13.30 seven days a week, with one Sunday a month off to attend church.

    When he was writing, Shute typed his manuscripts out directly rather than writing them by hand first. After he had planned a story he could generally write around 1,000 words a sitting, with a novel taking typically nine months to complete. Once a draft manuscript was finished, the first chapter would then be rewritten, often a number of times. Using such a strict routine, he averaged a novel a year for much of his life. His office at home was his creative bubble and once he entered it, he did not expect to be disturbed.

    For some working at home can be difficult to adapt to, even if you have your own office. In such cases some used a more a dramatic change in physical location rather than time to define their creative bubble. The playwright Harold Pinter owned two houses with adjacent gardens. One house was the home for him and his wife (the biographer Antonia Fraser), while the other was his office. When inspiration struck he would leave his home cross the back garden and enter the adjoining house to work – staying there as long as the period of inspiration lasted.

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  2. Thanks. I did not know about Pinter’s two houses. I certainly see the appeal. We always thought having an adjacent flat as an office would be great.

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